Mein Interview mit COCO vom August 2017

 

Biografie:

 

Ich trainierte Rhythmische Sportgymnastik als Leistungssport bis zu Alter von 7 Jahren, brach dann mit dem Tanz und wendete mich anderen schönen Hobbys wie dem Reiten und dem Malen zu. Erst nach Schulabschluss und erst nach Erfüllung des großen Traumes nach dem eigenen Pferd kam die Sehnsucht zu tanzen zurück. Ich probierte unterschiedliche Tanzstile aus, lernte diverse Entspannungsmethoden und kam vom Reiten übers Feldenkrais zum orientalischen Tanz. Seitdem nimmt der Tanz wieder einen großen Stellenwert in meinem Leben ein. Er vervollständigt mich, er hilft mir, mich als Frau in einer von Männern geprägten Welt zu finden, im Tanz auszudrücken und mein Selbstbild in den Alltag zu übertragen.

 

 

Wie bist du zum Tanz gekommen und was gibt er dir?

 

Zum Tanzen bin ich gekommen, weil ich schon als kleines Kind nicht still stehen konnte, tanzend und hüpfend über die Wiesen galoppiert bin und meine Mama mich für Rhythmische Sportgymnastik angemeldet hat. Leider wurde ich mit 7 Jahren vom Leistungssport „ausgemustert“. Die Begründung war die krumme Wirbelsäule und der Hüftschiefstand. Viele meiner Balletterfahrungen und Tanzbewegungen stammen aus dieser Zeit.

 

Der Gedanke, den orientalischen Tanz zum Hobby zu machen, kam von meiner Feldenkraistrainerin. Sie hat in Ihren Stunden immer wieder darauf hingewiesen, dass wir westlichen Frauen so festgehalten und steif im Becken sind und mit durchgedrückten Knien an der Bushaltestelle stehen. Unsere Hüften schwingen nicht wie die einer Südamerikanerin oder Afrikanerin. Wir nutzen unsere Knie kaum und blockieren dadurch (nicht nur) im Hüftgelenk. Dynamisches Gehen mit locker fallenden Hüften, beweglichen Sprunggelenken und aktiven Knien wirkt sich positiv auf die ganze Haltung aus. „Schaut Euch mal die Samba- oder Bauchtänzerinnen an ...“ Ich? Bauchtanz? Das war nicht cool, mit Münzgürtel sich Männern anbiedern? Einfach von allem zu viel. Zu viel Glitzer, zu viel Tamtam, komische Musik. Als erstes hab ich den brasilianischen Samba ausprobiert und dann doch noch einen Wochenendkurs für Anfänger Bauchtanz gebucht (auf der Traumfabrik in Regensburg zusammen mit dem Kurs Clowntheater). Danach war ich infiziert 1. vom Bauchtanz, weil sich mein Becken, mein Rücken, mein ganzer Körper weich und geschmeidig angefühlt haben und die Schmerzen weg waren und 2. von der Bühne (Wenn Zuschauer auf die Mimik reagieren und auf den Ausdruck des Clowns, der nichts richtig machen kann, was er so sehr will und der von einem Fehler zum nächsten stolpert).

 

Was gibt mir der Tanz? In einer so hektischen Welt, mit so vielen Einflüssen und Ablenkungen ist es für mich oft nicht leicht den Blick für mich und meine innere Liebe zu bewahren. Und das gibt mir der Tanz, das Gespür für meinen Körper, Körperwahrnehmung und Beruhigung meines Geistes. Wie Meditation, oder Feldenkrais … und dann noch die Neugier und der Wille zur Persönlichkeitsentfaltung. Ich kann schon seit meiner Kindheit nicht akzeptieren, was mir mit in die Wiege gelegt sein soll.

 

Warum hast du dich entschlossen es professionell zu machen?

 

Mein normaler Job als Patentanwaltsfachangestellte (gewerblicher Rechtsschutz) bietet mir schon lange keine Perspektive zur Entwicklung mehr. Außerdem sitze ich in einer 35h Woche in meinem Bürostuhl vor dem Rechner. Kürzlich las ich einen Spruch in „Social Media“: „Sitzen ist das neue Rauchen“. Es gab Zeiten, wo ich jeden Tag eine Stunde zur Arbeit pendelte, hin und zurück, dort 7 – 8 Stunden auf meinem Stuhl vorm PC saß und Abends dann zum Pferd fuhr, um hier mit Kraft in Rumpf und Beckenboden (Woher soll die Kraft kommen?) mein Pferd zu Reiten. Ähm. Ja, wieder sitzen. Ich hätte mich auch anders verwirklichen können, alles was kreativ und abwechslungsreich ist (z.B. liebe ich nähen sehr). Letztendlich hab ich mich für das entschieden, was mich am meisten in Bewegung brachte, aber auch am meisten herausforderte, also doppelte Bewegung sozusagen.

 

Wie hast du gestartet und was waren die wichtigsten Schritte/Durchbrüche auf deinem Weg?

 

Der wichtigste Punkt war tatsächlich der Anruf bei COCO und die Unterschrift unter dem Ausbildungsvertrag. Das hat mich am meisten Überwindung gekostet. Dann die Ausbildung meistern. Das erste Mal vor einer Klasse stehen. Ich bin ja eigentlich schüchtern. All die Ängste vergesse ich, wenn ich vor der Klasse stehe und erkläre, wie eine Bewegung ausgeführt wird, wenn wir gemeinsam verschiedene Bilder oder Bewegungen ausprobieren,um zu der gewünschten Bewegung zu gelangen. Und am Tollsten ist es, wenn der Körper der Tänzerin die Bewegung das erste Mal zulässt. Dann grinse ich über beide Ohren und lass eine Pause machen.

 

Inzwischen habe ich einen Kurs bei der VHS gehalten und ab Herbst ist der nächste geplant. Weiterhin habe ich einen tollen Raum in einem Yogastudio gefunden mit noch tolleren (Körperarbeits-)Menschen. Ich könnte dort ab Herbst meinen ersten Kurs auf selbständiger Basis anbieten. Das ist die nächste große Herausforderung. Wie vermarkte ich mich selbst? Wo setzte ich meine Schwerpunkte? Wie grenze ich mich von dem vorhandenen Angebot ab? Das ganze natürlich unter der Prämisse ich zu sein und nicht wer anderes, der ich meine sein zu müssen. Eine neue Herausforderung.

 

In deinem Unterricht vereinst du Essence of Bellydance mit der Feldenkrais-Methode, wie funktioniert das?

 

Schon allein durch meine Person. Ich habe keine Feldenkrais-Ausbildung, bin aber selber viele Jahre in den Unterricht gegangen. Für mich ist Feldenkrais nicht nur eine Lernmethode sondern auch eine Philosophie. Ich probiere gerne alles mögliche aus und spiele mit Möglichkeiten. Das ist irgendwie wie fliegen. In meinem Unterricht versuche ich Möglichkeiten aufzuzeigen, den Frauen das Gefühl zu geben, dass es kein „Richtig“ oder „Falsch“ gibt. Sie dürfen ihren Körper beobachten ohne „zu korrigieren“ oder „zu bewerten“. Was so wichtig ist. Zu erspüren, welche Bewegung sich wie anfühlt. Das Bild im Spiegel nicht ernst zu nehmen, weil es keine Realität (im Spiegel) gibt. Und auf ihren Körper zu hören. Ich lade die Frauen immer wieder ein, offen zu sein, offen für etwas Neues, Überraschendes. Wie das Benutzen der Knie haben wir auch das Spielen verlernt, das Probieren, etwas falsch machen, wieder aufstehen, noch einmal anders versuchen. Wie ein Kind, das krabbeln lernt. Oder wie der Clown der wieder aufsteht nachdem er hingefallen ist. Was für mich anfangs überraschend war, ist wie schwierig das oftmals für meine Schüler ist. Ich baue regelmäßig kurze Wahrnehmungsübungen oder Imaginationsübungen in den Unterricht ein. Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass schon das für viele Frauen eine große Herausforderung ist. Ungeduld, Konzentrationsschwierigkeiten und der Wechsel zwischen Anspannung im Tanz, Kraft- und Cardiotraining und Entspannung, die bei Wahrnehmungsübungen einfach vorausgesetzt ist, ist für die Meisten meiner Anfänger nicht einfach umsetzbar. Ich denke dass braucht Zeit.

 

Was waren bisher die schönsten Momente in deinem Tanzleben?

 

Die magischen Momente. Tatsächlich das Butoh Trainingscamp mit meinem Pferd und Fotograf. Ich hatte einen Platz in der sonst so dunklen Reithalle entdeckt und habe mich dahin bewegt um dem Licht entgegen zu tanzen. Mein Pferdchen ist mir gefolgt. Ganz von sich aus und hat sich dazu gesellt. Ich war so ganz bei mir, alles war ruhig um mich herum und nur meine Emotionen, das Licht und die Dunkelheit. Volle Verbundenheit mit mir, dem Raum dem Licht. Als mich nach dem Tanz die berührten Zuschauer angesprochen haben.

 

Und noch einer im orientalischen Tanz. Letztes Jahr die Generalprobe fürs Stallfest. Ich hatte mit 2 Mittänzerinnen und dem Pferd Überraschungsauftritte geplant. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch kaum einer im Stall von meiner anderen Leidenschaft und erst recht niemand von der Ausbildung. Bei der Generalprobe konnten alle anderen nicht und die Reiterin vom Nemo hatte auch keine Zeit. Dann stand ich alleine da. Ein lauer Sommerabend, rotes Kleidchen. Und ich habe getanzt, alle 3 Tänze durch, ganz allein vor lauter verblüfften Reitersleuten und ich konnte sie in meinen Bann ziehen. Ich konnte sie verzaubern. Es gab immer wieder Momente wo sie auf meine Bewegungen oder Mimik reagiert haben. Wo ich sie mitgenommen habe. Das ist es, was mich noch reizt. Und wenn es nur ein Traum ist, irgendwo ganz weit am Horizont.

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Mein vollständige Interview mit COCO Berlin findest Du hier: https://essencebellydance.com/de/interview/ivonne-bauchtanz-allgaeu